Sagenhafter Speick

Es gibt Dinge, die nicht nur mit ihren bloßen Eigenschaften glänzen, sondern auch Stoff für Geschichten liefern. Die Speickpflanze gehört zweifellos dazu. Die botanische Rarität ist mehr als ein Heilkraut, sie spielt auch in zahlreichen Traditionen, Mythen und Legenden eine nicht unbedeutende Rolle. Begibt man sich auf ihre Spuren, begegnet man aufgeputzten Kühen ebenso wie dem Teufel und Königin Cleopatra.

Schutz und Segen

Die alpinen Wiesen, auf denen der Speick zuhause ist, sind den Sommer über auch traditionell die Heimat glücklicher Kühe. Vor Herbstbeginn werden die Viehherden wieder zurück ins Tal gebracht. Dieser Almabtrieb geht nachweisbar auf sehr frühe Ursprünge zurück. Im Lauf der Jahrhunderte hat sich der Brauch entwickelt, das Vieh mit buntem Schmuck „aufzukränzen“ und seine Heimkehr festlich zu begehen. Es ist umstritten, ob der Brauch ursprünglich als Schutz gegen böse Geister diente, schön anzusehen sind die Kränze jedoch allemal. Ihre wichtigsten Bestandteile: Zirben- und Fichtenzweige, Almrausch, Wacholder – und Speick.

Auch in den sogenannten Rauhnächten spielte der Speick in der Vergangenheit eine wichtige Rolle: Im Alpenraum wird bestimmten Winternächten besondere Bedeutung beigemessen. Sie beginnen nach der Heiligen Nacht vom 25. auf den 26. Dezember und dauern 12 Nächte lang bis Heiligdreikönig am 6. Januar. Man sagte früher, es sei die Zeit zwischen der Zeit, wenn die Winterstürme übers Land fegten und die hungrigen Raubtiere den Höfen immer näher kamen. In dieser Zeit verließen die Menschen ihre Häuser nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr. Denn draußen ritt die Percht mit ihrem Gefolge übers Land. Die Percht war die mächtigste Unterweltgöttin im Alpengebiet, die über Leben und Tod herrschte. Sie holte die toten Seelen, die bis zu den Raunächten dahin irrten und sich an Wegkreuzungen und verwunschenen Plätzen sammelten. Die Percht sollte der Legende nach die Seelen ins Jenseits führen. Sie hatte ein gütiges und ein schreckliches Gesicht – je nachdem wie die Seelen zu Lebzeiten gewirkt haben. In ihrem Heer ritten Waldgeister, Gnome und Kobolde. Die Lebenden fürchteten in der Dunkelheit auf dieses Heer zu treffen und mitgenommen zu werden. Deshalb legten sie in den Rauhnächten getrocknete Kräuter auf glühende Kohlen, räucherten Haus und Stall, um all seine Bewohner vor der Percht, aber auch weiterem Unheil und Krankheit zu schützen. In den Nockbergen ist neben Wacholder und Palmkätzchen der Speick Teil des Räucherbüschels, das den Segen auf Haus und Hof herabrufen soll.

Einer anderen Sage nach, soll der Speick sogar den Teufel fern halten: Ein Mädchen, das den Höllenfürsten überlistete und ihn fragte, wovor er sich am meisten fürchtete, erhielt als Antwort: „Håbrat, Widertot und Speick ist guot fer’s Ålp’nreit’n.“ Seitdem lassen die Kärntner an Maria-Himmelfahrt (15. August) einen Busch Alpenkräuter weihen.

Liebe und Sühne

Wie das Edelweiß und andere hochalpine Pflanzen, galt der Speick früher auch als Liebesbekundung, wenn ein Mann seiner Angebeteten einen Stengel des Krauts schenkte.  Immerhin musste er dafür auf 1800 Meter oder höher für sie klettern. Der starke Duft der Baldrianart sorgte aber gleichzeitig dafür, dass er als Mittel im Strafvollzug eingesetzt wurde: Im finsteren Mittelalter gab es neben Folter und Scheiterhaufen auch den Speick-Arrest. Mit ihm wurden kleinere Vergehen wie Diebstahl oder Ehebruch geahndet: Der Verurteilte wurde in einen Speick-Stadel gesperrt und duftete danach mehrere Wochen deutlich nach dem Kraut.

Royaler Luxus

Die Valeriana celtica und ihr Ruf als Heilpflanze verbreitete sie bis in den Orient und nach Afrika. Speick wurde für Bäder, Parfums und Körperöle verwendet, aber auch zur Linderung zahlreicher Leiden. Sogar die ägyptische Königin Cleopatra pflegte ihre der Legende nach zarte Haut mit Speick und die Bräute nordafrikanischer Stämme wurden für ihre Hochzeit mit dem aromatischen Speicköl gesalbt.

Die Legende lebt

Kaum zu glauben, dass die einzigartige Pflanze über die Jahrhunderte fast in Vergessenheit geratenen wäre bis Walter Rau sie für die Speick Seife wiederentdeckte. Der sagenhafte Duft ist nach wie vor unverkennbar und kann bis heute nicht synthetisch hergestellt werden. Geerntet wird der Speick noch immer traditionell von Hand im „Frauendreißiger“ zwischen den Festen Mariä Himmelfahrt am 15. August und Mariä Namen am 12. September. Gutes hat eben Bestand. Und mit ihm seine Geschichte.

Kennt Ihr weitere Sagen, Mythen und Erzählungen rund um den Speick?
Eure Jenny

 

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