Konkurrenzdruck beim Rohstoffeinkauf: Pflanzen werden knapp

Ein Beitrag hat mich diesen Sommer ziemlich aufgewühlt: Eine deutsche Tageszeitung titelte, die Rohstoffe für Naturkosmetik seien knapp – ein wichtiger Grund dafür: das wachsende Interesse konventioneller Hersteller an pflanzlichen Zutaten. Diese definitiv schlechten Nachrichten haben mich zu Nachforschungen angeregt, denn ich mache mir ein wenig Sorgen um die Zukunft meiner heiß geliebten Bio Beauty. Haben Authentizität und Pioniergeist am Ende doch weniger Gewicht als große Mengen und Etats? Und welche Probleme gibt es darüber hinaus? Ich habe Susanne Gans, Laborleitung bei Speick Naturkosmetik nach ihren Erfahrungen gefragt und bin teilweise schockiert.

Fakt ist: Die steigende Nachfrage nach Naturkosmetik setzt den Rohstoffmarkt mehr und mehr unter Druck. Wo es einst einfach war, ein pflanzliches Öl vom Lieferanten seiner Wahl zu beziehen, stehen nun die Pioniere der Bio Beauty hinter Kosmetikriesen Schlange, deren Produktion große Mengen verschlingt – und die über die garantierte Abnahme dieser enormen Mengen die Rohstoffhersteller an sich binden. Doch neben der Konkurrenz am Kosmetikmarkt drängen auch Hersteller anderer Branchen auf den natürlichen Markt. Und es kommt nicht zuletzt zur Verknappung des Angebots durch negative Umwelteinflüsse und gesetzliche Verordnungen. Aber eins nach dem anderen…

 

Susanne, was sagst du zum Thema Rohstoffknappheit in der Naturkosmetik. Ist da was dran?

Ja, leider werden vor allem ätherische Öle knapp. Da fallen mir Orangenöl oder Grapefruit Öl ein. Zu den Ursachen komme ich später noch. Das liegt auch daran, dass viele ätherische Öle in Reinigungsmitteln und konventioneller Kosmetik als Eyecatcher eingesetzt werden.

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Knapp durch Missernten: Grapefruit (Foto: pixabay)

Welche anderen Rohstoffe sind durch das Interesse der Großkonzerne weniger verfügbar?

Da fällt mir Lemongrasöl ein. Das kommt daher, dass der Hauptbestandteil Citral darin als synthetische Ware nicht verfügbar ist. Hier hatte BASF der Hauptlieferant einen Betriebsunfall und musste die Produktion stoppen und auch in China mit seinen neuen ökologischen Bestrebungen müssen viele Fabriken geschlossen werden, da sie den neuen Standard nicht einhalten können. Wenn keiner mehr produziert, dann wird der Rest zu Spitzenpreisen verkauft.

Dann wäre da das Lavendelöl. Lavendelöl enthält Linalylacetat und Linalool, die gerade auch synthetisch nicht zu bekommen sind, da aufgrund der REACH Verordnung viele Firmen die Produktion einstellen (die Generierung der geforderten Daten kostet zu viel Geld). Nun nimmt man als Ersatz Lavendelöl.

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Begehrter Austauschstoff: Lavendel (Foto: pixabay)

Natur als Austauschstoff – für mich ein trauriges Beispiel der derzeitigen Marktentwicklung. Und was knapp wird, wird auch teuer… Welche (prozentualen) Preissteigerungen konntet Ihr verzeichnen?

Wir setzen ja ätherische Mischungen ein für unsere Parfümierungen, so dass Preissteigerungen nicht genau zugeordnet werden können. Aber hier sind die Preise auch deutlich gestiegen. Nur bei den wenigen reinen ätherischen Ölen die wir noch zusätzlich einsetzen habe ich eine Vorstellung von der Preissteigerung.

Kostete 2012 Orangenöl noch 8,50 € so lagen wir 2016 bei 14,60 €. Der Preis für Menthol verdoppelte sich. Bei Grapefruit Öl aus Florida ist es ganz krass. Innerhalb eines Jahres stieg der Preis pro Kilogramm von 15 € auf 105 €. Vanille als CO2 Extrakt braucht sich da nicht zu verstecken. Hier muss man das Zehnfache des ursprünglichen Preises bezahlen.

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Rar und teuer: Vanille. Ihr Preis stieg um das zehnfache! (Foto: pixabay)

Ziemliche Hausnummern.. Inwiefern kommen Euch da noch langfristige Verträge oder eigene Anbauprojekte zugute?

Leider haben wir keine eigenen Anbaugebiete, einmal von unserem Speick als kontrollierte Wildsammlung abgesehen. Wir machen aber bei vielen Rohstoffen, vor allem bei den Parfümierungen, Kontrakte über 1 bis 2 Jahre. Da können unsere Lieferanten strategisch ihren Einkauf planen und durch die eingelagerten Mengen haben wir eine Preisstabilität. Bei Vanille melden wir unseren Bedarf schon Jahre im Voraus an, damit uns die Firmen unsere Wunschmenge zumindest einplanen können.

Speick auf Hand

Exklusiv bei Speick: Die Pflanze aus kontrolliert biologischer Wildsammlung

Tragen aus deiner Sicht auch fremde Branchen, negative Umwelteinflüsse oder der Klimawandel zur Verknappung einiger Rohstoffe bei? Welche wichtigen Faktoren darf man nicht außer Acht lassen?

Die REACH Verordnung mach der Industrie große Probleme. Zuerst mussten die Rohstoffe die über 100 Tonnen, dann die über 10 Tonnen und zum Schluss die über 1 Tonne produziert werden, registriert werden. Danach musste man alle geforderten toxikologischen Daten ermitteln. Schwierig auf der einen Seite, da Tierversuche verboten sind und viele Ersatzmethoden noch nicht validiert und damit einsetzbar sind. Und auch auf der anderen Seite sehr kostenintensiv mit viel Bindung von Kapazitäten die man anderweitig benötigt. Das führt dazu, dass Hersteller einfach die Produktion einstellen oder nicht mehr an die Kosmetik verkaufen. So ging es uns bei pflanzlichen Emulgatoren. Diese dürfen nun nur noch in die Lebensmittelindustrie verkauft werden, da hier die Toxdaten nicht gefordert werden. Die Kosmetik geht nun leer aus. Wenn nun einige Firmen den gleichen Rohstoff aus diesen Gründen nicht mehr liefern, dann entsteht ein Engpass weil einfach keine Ware da ist. Wenn es einen Austauschstoff tatsächlich geben sollte, wird dieser teuer verkauft.

Auch die Arzneimittelindustrie hat ihren Einfluss: Hier ist z.B. Lavandin als Biozid zugelassen. Solche Zulassungen sind aufwendig und teuer, da braucht man das EINE ätherische Öl und kann nicht tauschen. Und bei Engpässen werden letztlich so große Mengen abgezogen, dass für die Kosmetik nichts mehr bleibt … Oder der klägliche Rest ist kaum mehr bezahlbar.

Umwelteinflüsse spielen eine große Rolle. Ernten verkümmern wegen Vulkanausbrüchen, Waldbränden oder wie in Borneo wegen einer Überschwemmung. Ein Hurrikan hat in Florida die ganze Grapefruiternte vernichtet. Die übrig gebliebenen Früchte vergammelten, da kein Strom für die Bearbeitung da war.

Dem Lavendel macht wohl ein Pilz zu schaffen der bei zu viel Feuchtigkeit auftritt. Dieser Pilzbefall muss erst bekämpft werden und das Feld bleibt unbenutzbar. Es dauert Jahre bis wieder an der gleichen Stelle Lavendel angebaut werden kann.

Aufgrund von klimatisch bedingten, jahrelangen Missernten kommt es bei Vanilleextrakten zu langfristigen Engpässen. Es gibt einfach nichts. Das Wenige was oft von den Vanilleschoten noch übrig bleibt, wird gestohlen, oft unreif und dann dadurch auch nicht verwertbar.

 

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Unberechenbar: Naturkatastrophen wie Hurrikans. Sie vernichten ganze Ernten. (Foto: pixabay)


Ein Blick in die Zukunft: Welchen Ausblick gibst du für den Einkauf und die Etablierung neuer (Trend-)Rohstoffe aus der Pflanzenwelt?

Neue Bio Rohstoffe auf den Markt zu bringen wird immer schwieriger. Verantwortungsbewusste Hersteller pflanzenbasierter Rohstoffe nehmen das Nagoya Protokoll ernst. Dieses internationale Umweltabkommen regelt in einen völkerrechtlichen Rahmen den Zugang zu genetischen Ressourcen und einen gerechten Vorteilsausgleich. Also wer einen neuen Pflanzenrohstoff kreiert muss sich fragen, welches Land ist dem Nagoya Protokoll beigetreten und welche Vorgaben werden zur Nutzung des landeseigenen Biomaterials gemacht. Es werden gesetzlich viele Daten gefordert. Man braucht Sicherheitsdatenblätter, Analysenzertifikate und andere Daten. Da steckt Aufwand dahinter und natürlich auch Kosten.

Wenn ich einen Pflanzenwirkstoff einsetze und das auf meine Verpackung schreibe, dann erwartet der Gesetzgeber dass ich mögliche Wirkungen auch belegen kann. Solche kostspielige Studien leisten sich nur große Firmen. Aber ohne Wirknachweise ist ein Einsatz von Wirkstoffen heutzutage fast nicht mehr möglich.

Und: Oft sind toll klingende neue Rohstoffe am Ende nicht zu gebrauchen, da die Funktionalität fehlt. Wir wollten unbedingt eine Seife aus den Früchten der Acrocomia Palme aus einem Kleinbauern Bio Projekt machen. Das ging nicht, da Seife sich trotz idealer Fettzusammensetzung daraus nicht herstellen ließ und auf der anderen Seite die Kleinbauern immer nur das sammelten was sie benötigen…

 

Das klingt nach vielen Herausforderungen am Rohstoffmarkt… Danke liebe Susanne für die Aufklärung! Nach all diesen Details ist mein Respekt gegenüber den Herstellern von Naturkosmetik noch weiter gewachsen – es gehört definitiv viel Idealismus dazu, sich an einem so hart umkämpften Markt zu behaupten.

Eure Jenny